Anxiety Culture Project (Stand Oktober 2021)

Das ACP - Anxiety Culture Project ist ein inter- und transdisziplinäres Forschungsprojekt. Es wird seit 2015 von den beiden Kern-Partnern der Universität zu Kiel und der Columbia University New York (Phase eins) vorbereitet. Das Ziel des ACP ist es, die latenten und z.T. dominanten Bedrohungs- und Angstempfindungen in Teilsystemen der Gesellschaft zu untersuchen. Das ACP widmet sich der Forschungsfrage, wie eine Resilienz in diesen gesellschaftlichen Teilbereichen - festgemacht an ausgewählten Themen - erreichbar ist oder ob mit Bedrohungs- und Verunsicherungsphänomenen umgegangen werden muss, ohne diese letztlich beheben zu können. Die Forschungen hierzu finden in vier Clustern statt: (1) Climate Change and Environment, (2) Population Health, (3) Migration, Language, and Discourse sowie (4) Politics, Work, and Society. Das Verständnis für die Ursachen und Ausprägungen einer Anxiety Culture soll geschärft sowie ein Angebot von Lösungen im Sinne eines breit definierten Wissens- und Technologietransfers geschaffen werden. Die Core-Schwerpunkte rahmen die Forschungs-Cluster und steuern Grundlagewissen bei: Der Core (1) Therory & Methodology entwickelt eine dem ACP angemessene Middle-range theory. Der Core (2) New Technologies and Automation untersucht, inwieweit neue Technologien (wie unter anderem die Künstliche Intelligenz, Big Data etc.) selbst Unsicherheits- und Angstphänomene begründen und damit zu den Herausforderungen in den gesellschaftlichen Teil-Systemen beitragen oder ob diese neuen Technologien sogar einen Teil der Lösung der Probleme sein können. Schließlich steht der Core (3) für die Vermittlung und Kommunikation, den Transfer der Erkenntisse in die Zivilgesellschaft, die öffentliche Bildung sowie die politische Führung. In die finale Aufbaustufe (Phase zwei) des Projektes (November 2021 bis August 2022) wird auch die Gründung eines CAC - Center on Anxiety Culture an der Universität zu Kiel integriert.

 

Gesellschaften und Kulturen sind von Angstphänomenen seit jeher stark beeinflusst, wenn nicht gar geprägt. Ob neue Populismen oder Klimaangst, ob Angststörungen, Statusangst oder Bildungspanik, ob Technikängste oder der Umgang mit Migration und natürlich ganz aktuell die weltweite Corona-Krise: Diskurse über affektive Belastungen durchziehen die kulturelle Öffentlichkeit. Ziel des Anxiety Culture Projekts (ACP) ist die interdisziplinäre und internationale Diagnose und Analyse der Angstkultur(en) in Gegenwart und Vergangenheit sowie eine kritische und engagierte Positionierung zu den medialen, politischen und gesellschaftlichen Artikulationen in den aktuellen Handlungsmustern und Diskursgestaltungen. Zur methodischen Orientierung bei der Entwicklung eines innovativen Deutungsangebots dieser komplexen Wirklichkeit dient die von Robert Merton entwickelte “middle range theory”, die im Gegensatz zu einer “grand theory” aus der Wechselwirkung von Theorie und Empirie interdisziplinäre Ansätze zur Erforschung von Angstkultur zu entwickeln hilft.

 

Das ACP verfolgt die Entwicklung eines Analysekonzepts zur besseren kooperativen Erfassung unserer Welt(probleme) in einer Zeit sich verstärkender Krisenerfahrungen und ungelöster Zukunftsängste. Formen der hiermit einhergehenden Verunsicherung, sich sozial manifestierender Angst und ihrer Auswirkungen, sowie Ohnmachtsempfindungen in Bezug auf die dringend notwendige Lösung vieler zentraler Problembereiche unserer nationalen und global verflochtenen Staaten und Gemeinschaften bilden den Ansatzpunkt der Forschungsinteressen. Es soll versucht werden, diese Verwerfungen einer ‚Welt in Metamorphose’ (nach Ulrich Beck, 2016) auf der Grundlage eines neuen konvergenten Analysekonzepts zu interpretieren und in verschiedenen Projekten fachspezifisch und exemplarisch zu erforschen. Hierbei spielt das Phänomen sich sozial, aber auch individuell manifestierender ‚Anxieties‘ (Ängste, Verunsicherungen, Vertrauensschwund) in unseren Gemeinschaftsstrukturen eine entscheidende Rolle auf allen Ebenen: Politik, Wirtschaft, Medizin, Erinnerungskultur, Religion, Bildung usw. Die Verzahnung all dieser Ebenen in unserer gegenwärtigen Anxiety Culture ist ein Hinweis auf die Komplexität des zu untersuchenden Feldes, zu dessen Erforschung viele Disziplinen mit ihren jeweiligen Wissenschaftstraditionen und Expertisen beitragen können und müssen. Die Komplexität unserer Anxiety Culture spiegelt sich auch in jedem ihrer Hauptthemenbereiche, so z.B. das Gesundheitswesen (gerade derzeit mit Corona), Migrationen und ihre Folgen, Digitalisierung und Automation, politische Instabilitäten und Vertrauensverlust in demokratische Strukturen sowie natürlich die drängende Frage des Klimawandels und seiner ökologischen Folgen. Es ist zu erwarten, dass sich aus den verschiedenen fachlichen Forschungsrichtungen in einem synergetischen Forschungsnetzwerk Lösungsansätze zur Bewältigung der zentralen Probleme und Krisen in unserer Anxiety Culture ergeben. Ein Leitgedanke dabei ist, dass sich die Anxiety Culture in unserer Welt längst von dem Versicherungsmodus einer Risikogesellschaft verabschiedet hat, aber noch vor der Aufgabe steht, ihr Gleichgewicht bei der notwendigen Verarbeitung der derzeit massiv auftretenden sozial relevanten und institutionell wirksamen Ängste (in einem Spektrum von Sorgen bis hin zu Panik) zu finden. Mit seinem Fokus auf der Verbindung von Ängsten und Kultur integriert das Projekt auch ausdrücklich die historische Perspektive, die durch eine Reihe von Fächern aufgegriffen wird (Geschichts- und Politikwissenschaft, Theologie, Migrationswissenschaften, Philologien, Soziologie, Kunstgeschichte etc.). Dabei stehen Aspekte wie historische Krisenbewältigung, christliche und andere Wertetraditionen, Sozialhistorie, Einfluss des sog. Zeitgeistes, philosophisch-ideologische Zeitprägungen usw. im Vordergrund. Das ACP ist aber keinesfalls nur theoretisch orientiert, sondern bezieht bewusst die empirischen Forschungstraditionen der Geisteswissenschaften sowie auch die der Natur- und Technikwissenschaften und der Informatik mit ein.

 

 

Projektkoordination

 

Prof. Dr. Ulrich Hoinkes, Romanische Sprach- und Kulturwissenschaft

  • Anxiety Culture as a Global Paradigm Shift: Discursive Traditions Aware of Insecurity and Powerlessness, and their Potential for a New Social Dynamic

Prof. Dr. Paula Diehl, Politische Theorie, Ideengeschichte und Politische Kultur

  • Populism, Anxiety, and Identification. From Fear to Pleasure in Populism Dynamics and its Implication for Democracy

Prof. Dr. Dirk Nabers, Internationale Politische Soziologie

  • Crisis, Dislocation, Anxiety: Towards Conceptual Clarity

 

Zur Mitarbeit bereite Forscher*innen aus der Philosophischen Fakultät (in alphabetischer Reihenfolge, inkl. Forschungsthemen)

 

Prof. Dr. Klaus Gereon Beuckers, Kunstgeschichte

  • "Timor per Dominum? Angsteinflößung in romanischen Portalanlagen als moralisches Mittel

Prof. Dr. Christine Blättler, Philosophie

  • Angst und Freiheit in der Technik

Prof. Dr. Timo Felber, Germanistik

  • Vom Angstgefühl zur Angstkultur. Bewältigungsstrategien psychosozialer Problemlagen in der deutschsprachigen Literatur des Mittelalters

Prof. Dr. Elke Krahmann, Politikwissenschaft

  • Anxieties of Insecurity: Conflict, Crime and Terrorism

Prof. Dr. Christian Martin, Vergleichende Politikwissenschaft

  • The Empirics of Anxiety – Who Fears What and Why (Not)

Prof. Dr. Angelika Messner, Sinologie / Wissenschafts- u. Medizingeschichte,

Emotionsforschung

  • Getting Lost in Between the Old and the New. Perspectives from Chinese Contexts

Prof. Dr. Aletta Mondré, Politikwissenschaft

  • Anxiety about Ocean Decline

Prof. Dr. Konrad Ott, Philosophie

  • Ängste im Diskurs: Emotionale Redehandlungen und Argumente

Prof. Dr. Anya Pedersen, Psychologie

  • Anxiety and the Role of Self-Disclosure

Prof. Dr. Tina Spies, Diversity & Gender Studies (mit Dr. Catharina Peek-Ho)

  • Subjectivation in Anxiety Culture: Intersectional Perspectives

Prof. Dr. Susan Richter, Geschichtswissenschaft

  • Die Autorität imaginierter Angst - Zeitgeist als unbegriffliches Deutungsmuster der Moderne (18.-20. Jh.)

Prof. Dr. Caecilie Weissert, Kunstgeschichte der Neuzeit, Ästhetik und historische

Emotionsforschung

  • Bilder der Angst. Seismographen bedrohter Ordnungen (1500-1800)

Prof. Dr. Sonja Windmüller, Europäische Ethnologie/Volkskunde

  •  Angst als Ressource. Ökonomische Akteur:innen und Praktiken in kulturanthropologischer Perspektive

Prof. Dr. Martina Winkler, Geschichtswissenschaft

  • Kindheit und Angstkulturen seit dem 19. Jh.

Prof. Dr. Christiane Zimmermann, Theologie

  • Hope and Anxiety in Early Christianity

 

Interne Unterstützung CAU und externe Kooperationen

 

Dr. Anna-Lena Bercht, Sozial- und Kulturanthropologie

  • Anxiety in Coastal Fisheries: How Identity Matters in Climate Adaptation

Prof. Dr. Olaf Köller (Direktor des IPN, Mitarbeit durch MOU mit dem TC New York)

  • (Das IPN bringt seine Kompetenz im Bereich ‚Bildungskritik und/oder Bildungskrise? Wie berechtigt sind Bildungsangst und Bildungspanik?‘ ein.)

Prof. Dr. Silja Klepp, Humangeographie

  • Agency vs Anxiety in the Context of Climate Change Migration in Oceania

Prof. Dr. Frauke Nees, Institut für Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie

  • The Neuroscience of Anxiety: changing environment, changing brain, changing self?

Prof. Dr. Karen Struve, bis 2019 Wiss. Mitarbeiterin an der CAU, W3-Ruf an die Universität Bremen

  • Frightening Fractures: Angstdiskurse in der französischen Kulturphilosophie und Romanproduktion der Gegenwart