Ästhetisches Verständnis im Nichtverstehen. Kritik der Interpretation

Forschungsstand

Das Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft definiert ›Interpretation‹ als »das methodisch herbeigeführte Resultat des Verstehens von Texten in ihrer Ganzheit« (Spree 2000, 168). Dem liegt die Annahme zugrunde, alles Schriftliche sei eine »Art entfremdete Rede«, die nach »Rückverwandlung der Zeichen in Rede und in Sinn« verlange (Gadamer 2010, 397). Dabei wird in der Regel weder das empirische ›Skandalon‹ kontro­verser Interpretationen (vgl. Japp 2013, 201) problematisiert noch die Frage, inwiefern das Verstehen sprachlicher Äußerungen notwendig in diskursiver Sprache zu geschehen hat (noch bei Axel Bühler heißt es: »Deklaratives Interpretieren resultiert in sprachlichen Äußerungen«; Bühler 2003, 170).

Unabhängig vom je prekären Verhältnis zwischen intentio auctoris und intentio operis (Eco 1995, 22) unterscheiden Interpretationen einen ›vernünftigen‹, diskursiv fassbaren Sinn von seinem ›sinnlichen‹, nichtdiskursiven Medium und beanspruchen, das ästhetisch ›Fremde‹ (Nichtverstehenshorizont) dem Normalverständnis (Nichtverstehensmodus) anzuglei­chen. Künst­lerische Texte werden als Aggregate von Zeichen behandelt, die eine verschlüsselte Botschaft transportieren und erst in deren Entschlüsselung als propositio­nale Sätze zu ihrem vollen Recht kommen (Nichtverstehensdisposition). – Das post­struktu­ralistische Dementi der Zeichenhaftigkeit von Sprache hat diesen Primat des Intellekts nicht beseitigt, sondern in alternativen Erkenntnisinteressen (›cultural poetics‹) vielmehr diskret bestätigt; die post­hermeneutische Kritik der klassischen Hermeneutik erschöpft sich in der Negation des herkömmlichen Verstehensoptimismus.

Arbeitsprogramm

Das ›fundamentalphilologische‹ Forschungsprojekt zur ›Kritik der Interpretation‹ geht davon aus, dass Dichtung – in Analogie zu Bildender Kunst und Musik − nicht notwendig »gelesen und verstanden werden« muss (Bredella 1980, 11). Es gilt folglich nach wissenschaftlich validen Verfahren des Umgangs mit Poesie zu fragen (Verstehens­qualität), die ästhetische Gebilde in ihrer Eigentümlich­keit respek­tieren. Das schließt die ›rationalisierende‹ Interpretation nicht grundsätzlich aus, bestreitet jedoch ihre generelle Zuständigkeit und verlangt, dass sie sich als Sonderfall ästhetischen Verstehens an den spezifischen Bedingungen ihrer jeweiligen Gegenstände zu legitimieren hat.

In diesem Interesse müssen zwei Dimensionen von Dichtung im Zentrum stehen: die spezi­fische Medialität (die ›poetische‹ Form) sowie die sinnlich/emotionale Einwirkung auf die Rezipienten (vgl. in Ansätzen bereits Winko 2003). Insofern will das Projekt vor dem Hintergrund einer Theorie­geschichte des Interpretierens dessen Leistungen wie dessen Risiken ermitteln, Kriterien für die jeweilige Legitimität unterschiedlicher Strategien ästhe­tischen Verstehens entwickeln und einer Theorie zuarbeiten, die den wissenschaftlichen Umgang mit Dichtung (im Horizont der anderen Künste) ästhetisch bewusst fundiert.

Den primären Anknüpfungspunkt bieten in diesem Zusammenhang aktuelle Über­legungen zur ästhetischen ›Präsenz‹, die jeden hermeneutischen Zugriff überschreiten (vgl. Gumbrecht 2012). Angestrebt wird eine die klassischen Ziele negierende Herme­neutik ›nach‹ der Posthermeneutik.

Um dieses Ziel einer ästhetisch fundierten Alternative zur theoriesprachlichen Interpre­tation poetischer Kunstwerke zu erreichen, sind in der Hauptsache zwei Arbeitsschritte erforderlich (überwiegend in Gestalt themenzentrierter Kolloquien bzw. Workshops (einmal pro Jahr) sowie in einer Monografie bzw. Dissertation): 1) exemplarische Studien unter Einbeziehung empirischer Erhebungen; 2) Theoriebildung: nichtbegriffliches Ver­stehen von Dichtung.

 

 

Zitierte Literatur

Bredella, Lothar (1980): Das Verstehen literarischer Texte. Stuttgart – Berlin – Köln – Mainz.

Bühler, Axel (2003): Interpretieren – Vielfalt oder Einheit? In: Regeln der Bedeutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte. Herausgegeben von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matás Martínez, Simone Winko. Berlin – New York, 169-181.

Eco, Umberto (1995): I limiti dell'interpretazione. Milano.

Gadamer, Hans-Georg (2010): Gesammelte Werke. Band 1: Hermeneutik I: Wahrheit und Methode. Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik. Tübingen.

Gumbrecht, Hans Ulrich (2012): Präsenz. Herausgegeben und mit einem Nachwort von Jürgen Klein. Berlin.

Japp, Uwe (2013): Die Überprüfbarkeit der Interpretation. Hermeneutische Probleme mit Rücksicht auf Goethes Torquato Tasso. In: Japp, Uwe: Ironien der Hermeneutik. Heraus­gegeben von Christoph Deupmann, Stefan Scherer, Claudia Stockinger. Heidelberg, 201-214.

Spree, Axel (2000): ›Interpretation‹. In: Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Neu­bearbeitung des Reallexikons der deutschen Literaturgeschichte gemeinsam mit Georg Braungart u. a. herausgegeben von Harald Fricke. Band II: H – O. Berlin – New York. 168-172.

Winko, Simone (2003): Über Regeln emotionaler Bedeutung in und von literarischen Texten. In: Regeln der Bedeutung. Zur Theorie der Bedeutung literarischer Texte. Herausgegeben von Fotis Jannidis, Gerhard Lauer, Matías Martínez, Simone Winko. Berlin – New York, 329-348.