Forschung

‚Intersektionalität interdisziplinär‘ ist der Titel eines Verbundprojektes, das vom Collegium Philosophicum der Philosophischen Fakultät der Universität Kiel ins Leben gerufen wurde. Das Projekt schließt an jüngste Debatten in den Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften an und fragt danach, wie kategoriale Zuschreibungen wie z.B. Geschlecht, Ethnizität, Klasse/Schicht/sozialer Status sowie Behinderung, Generation, Lokalität oder auch religiöse Zuordnung in Vergangenheit und Gegenwart dazu dien(t)en, hierarchisierte Alterität zu konstruieren und beispielsweise Minderheiten als solche zu definieren. In der bisherigen Forschung wurden diese Differenzkategorien in der Regel separat analysiert. In der vom Verbundprojekt verfolgten Perspektive sollen hingegen Personen, Personengruppen bzw. Interaktionen, Prozesse und Strukturen untersucht werden, in denen mindestens zwei der genannten Differenzkategorien zur Geltung kommen. Unter Rückgriff auf den Intersektionalitätsansatz werden dabei die Überschneidungen und Interdependenzen der verschiedenen kategorialen Zuordnungen ins Zentrum der Untersuchung gestellt: Wie interagier(t)en beispielsweise Behinderung und Ethnizität oder Geschlecht und religiöse Zuordnung miteinander? Verstärk(t)en sich diese Kategorisierungen in ihrer abgrenzenden oder auch diskriminierenden Wirkung? Oder heben bzw. hoben sie sich gegenseitig auf? Oder relativier(t)en sie die jeweilige Relevanz bzw. deu(tet)en sie um? In diesem Zusammenhang können die Herstellung von Differenz und damit die Differenzierungs- und Klassifizierungsprozesse in Form von Selbst- oder Fremdbeschreibungen analysiert werden, zum anderen aber auch die gesellschaftlichen Folgen dieser Kategorisierungen und damit die Komplexität gesellschaftlicher Ungleichheitsverhältnisse.

 

Jöran Balks: "Intersektionale Zuordnungsprobleme in Artusromanen um 1200"

Höfische Literatur als Literatur einer selbstbewussten, weltlichen Elite dient in erster Linie der Bestätigung und Reflexion adligen Selbstverständnisses. Der Begriff ‚höfisch‘ steht dabei für die positive, markierte Seite einer Unterscheidung, mittels derer sich die Rezipient_innen höfischer Literatur von dem abgrenzen, was als ‚unhöfisch‘ – fremd, unzivilisiert, unberechenbar – gilt. Literarische Figuren, die sich weder gänzlich der einen noch der anderen Sphäre zuordnen lassen, brechen das Schema auf und sorgen für Momente der Spannung wie auch – dies ist eine These der Arbeit – der Reflexion. Die Untersuchung wird sich solchen Figuren annähern, indem sie das Merkmal ‚höfisch‘ intersektional als Konglomerat verschiedener sozialer Unterscheidungskategorien auffasst. In den drei Artusromanen Iwein Hartmanns von Aue, Parzival Wolframs von Eschenbach sowie Wigalois Wirnts von Grafenberg sollen solche Figuren bestimmt und intersektionalen Fragestellungen unterworfen werden: Welche Ungleichheitskategorien spielen jeweils eine Rolle, welchen treten zurück und wie verhalten sich die Kategorien zueinander? Leitet sich aus dem problematischen intersektionalen Status eine besondere narrative Funktion der Figuren ab? Inwiefern regt die Konfrontation mit schwer zuzuordnenden Figuren den Helden oder das Publikum zur Reflexion über eigene Normen und Weltvorstellungen an?

Die Dissertation soll untersuchen, ob das Paradigma der Intersektionalität narrative Logiken erklären hilft, und zugleich aufzeigen, wie Normen des Eigenen und des Anderen in Literatur erprobt und reflektiert werden. Zugleich gilt es, in historischem Kontext Analysekategorien wie etwa die ‚klassische‘ Trias raceclass und gender kritisch zu überprüfen und bei Bedarf anzupassen oder zu hierarchisieren.

 

Nils Kühne: "'Drückeberger' oder 'Held des Alltags'? Zivildienstleistende in Pflegeheimen in der Bundesrepublik Deutschland"

Das Dissertationsprojekt untersucht aus sozial- und pflegegeschichtlicher Perspektive, inwiefern Zivildienstleistende den Alltag in Pflegeheimen in der Bundesrepublik beeinflussten. Das Projekt stellt dabei die These auf, dass Zivildienstleistende Katalysatoren waren, die gesamtgesellschaftliche Entwicklungen in die Pflegeheime hineintrugen und somit entscheidend zu den Wandlungsprozessen in den Pflegeheimen seit den 1960er Jahren beitrugen. Da Zivildienstleistende aufgrund ihres Geschlechts, ihres Alters und ihrer oft überdurchschnittlichen Bildung eine spezifische soziale Gruppe innerhalb des Pflegepersonals bildeten, soll nach den sich stetig wandelnden Interdependenzen zwischen Zivildienstleistenden, Stammpersonal und Heimbewohner_innen gefragt und diese Ungleichheitsdimensionen intersektional analysiert werden. Dabei geht es in dem Projekt auch darum, Privilegien zu untersuchen, die sich aus Ungleichheitslagen ergaben, um so das Konzept „Intersektionalität“, mit dem in der Forschung bisher hauptsächlich nach den Ursachen von Diskriminierungen gefragt wurde, zu erweitern. Insgesamt versucht das Projekt mit seinem Blick auf die Konflikte und Aushandlungsprozesse der verschiedenen Akteure in den Pflegeheimen, sozialhistorische Deutungsmuster wie das einer Liberalisierung und eines Wertewandels einer neuakzentuierten Betrachtung zu unterziehen.

 

Eddi Steinfeldt-Mehrtens: "Subjektivierung durch 'Hate Speech': Eine intersektionale Analyse"

Der Begriff Hate Speech stammt aus US-amerikanischen Debatten und wird häufig mit „Hassreden“ oder „verletzende/gewaltvolle Rede“ ins Deutsche übersetzt. Manchmal wird der Begriff Hate Speech auch mit „Volksverhetzung“ übersetzt. Die physische Verletzung, die gewaltvolle Rede hervorrufen kann, wird nicht durch körperliche, sondern durch sprachliche Gewalt ausgeführt. In meinem Dissertationsprojekt möchte ich der Fragestellung nachgehen, welche Kategorisierungen in gewaltvoller Rede als relevant gesetzt werden und wie diese verwoben sind. Wie schreiben sich einerseits (körperliche) Verletzungen durch Hate Speech in die betroffenen Subjekte ein und wie eignen sich möglicherweise andererseits Subjekte einzelne Hate Speech-Aussagen an und erhalten sich durch Umdeutungen einen (widerständigen) Handlungsspielraum? 

Im Kern befasst sich die Hate Speech-Problematik mit dem Widerspruch zwischen dem garantierten Recht auf Redefreiheit und dem Schutz vor (verbaler) Diskriminierung von Minderheiten. Diese pro/contra-Debatte um ein staatliches Verbot von verletzenden Reden findet sich auch in der wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Phänomen Hate Speech wieder, die stark rechtswissenschaftlich dominiert ist. Um aus einer konstruktivistischen und intersektionalen Perspektive Hate Speech in der Praxis soziologisch untersuchen zu können, ohne den Aspekt der diskursiven Macht von Sprache zu vernachlässigen,  fasse ich Hassreden als Subjektivierungspraxis auf und greife dafür im Wesentlichen auf Judith Butler zurück. In produktiver Auseinandersetzung mit Jacques Derrida und John L. Austin knüpft Butler an  Überlegungen Michel Foucaults an und entwickelt eine eigene Subjektivierungstheorie mit einem Fokus auf Performativität.

Butlers Subjektivierungstheorie dient in meinem Forschungsvorhaben als verbindendes Element zwischen Struktur und Praxis. Zunächst werden Hate Mails und anderes empirisches Material diskursanalytisch auf die Anrufung durch die Struktur hin untersucht, wobei mein Fokus auf der Verwobenheit einzelner Kategorisierungen liegt. Anschließend werden mit Betroffenen leitfadengestützte Interviews geführt, in denen deren Umgang mit Hate Speeches erforscht wird. Der Methodenmix und Butlers Subjektivierungstheorie sollen die Beantwortung der Frage ermöglichen, ob die Hate Speech-Betroffenen via Anrufung in einer Subjektposition festgeschrieben werden oder ob sie sich möglichweise durch widerständige Aneignungspraktiken einen Handlungsspielraum erhalten/schaffen können.

 

Jessica Scheller: Intergeschlechtliche Interventionen. Zur Konstituierung vergeschlechtlichter Lebenswelten im „Zwischenraum“1 (Arbeitstitel)

Die binäre Geschlechterordnung ist ein bestimmendes Strukturierungsprinzip moderner westlicher Gesellschaften. Die vorherrschende Dichotomie von Geschlecht verlangt uns ab, im Alltag klar als ‚Mann‘ oder ‚Frau‘ identifizierbar zu sein und wird dadurch zu einem wesentlichen Teil unserer Identität gemacht. Die Macht der Geschlechternormen führt somit zu Ausschlussmechanismen von Menschen und alternativen Lebensmodellen, die sich außerhalb des binären Ordnungssystems bewegen oder auch bewusst verorten.

Das Dissertationsprojekt möchte Lebenswelten von intergeschlechtlichen Menschen beschreiben und sichtbar machen, die sich auf einer gesellschaftspolitischen und künstlerischen Ebene mit Intergeschlechtlichkeit und dessen sozio-kultureller Rahmung auseinandersetzen. Hierzu fragt es nach interventionistischen Strategien, die angewendet werden, um dem heteronormativen Raum auf Grundlage von Erfahrungen kreativ zu begegnen. Dabei wird die These aufgestellt, dass die Zuordnung in Geschlechtercodes ein Antrieb für kreative Auseinandersetzungen mit bestehenden kulturellen Ordnungen sein kann. Ziel des Promotionsprojektes ist eine kulturanthropologisch-kritische Ethnographie intergeschlechtlicher Lebenswelten, die den alltäglichen Umgang und die Erfahrungen intergeschlechtlicher Menschen mit einer Lebenswelt in den Blick nimmt, die heteronormativ ausgerichtet ist und in der Intergeschlechtlichkeit demnach tabuisiert wird.

1Da es Ziel der Forschungsarbeit ist, sich während des Forschungsprozesses ein Vokabular anzueignen, das sich an Begrifflichkeiten orientiert, die von intergeschlechtlichen Menschen selbst bevorzugt werden, soll hier zunächst vor allem mit der Bezeichnung "Intergeschlechtlichkeit" gearbeitet werden. Der Begriff „Intergeschlechtlichkeit“ ist die deutsche Übersetzung des englischen Begriffes Intersex. Er ist aus der Menschenrechtsbewegung entstanden und „bezeichnet das angeborene Vorhandensein genetischer und/oder anatomischer und/oder hormoneller Geschlechtsmerkmale, die nicht den Geschlechternormen von Mann und Frau entsprechen“. (Das TransInterQueer-Projekt "Antidiskriminierungsarbeit & Empowerment für Inter*" (Hg._in) (2015): Inter & Sprache - Von „Angeboren“ bis „Zwitter“, Berlin, S. 15.)

 

Christian Schmidt: "Exercises in Manliness – Travel Writing, Gender, and Western Encounters with Indigenous People(s) in the Canadian North (1890-1945)" (Arbeitstitel)

Das Dissertationsprojekt untersucht diskurs- und textanalytisch westlich normierte Identität und ihren inhärenten Vergleichsmaßstab Alterität anhand kategorialer Zuschreibungen (Rasse/Ethnizität, Geschlecht, Klasse, Religion, geografische Lokalität) in Reiseberichten über Kanadas Norden (Subarktis/Arktis) um die Jahrhundertwende. Für eine solche raum- und bevölkerungsadäquate Untersuchung müssen historisch relevante koloniale Vorstellungen, sozialdarwinistisch-biologistisch geprägte Rassenhierarchien und spezifisch nordamerikanische Kolonisierungsrelationen betrachtet werden.

Neben seiner multidisziplinären Ausrichtung und der methodologischen Verortung in den postkolonialen Studien fokussiert sich das Projekt auf die Forschungsschwerpunkte Raum, den Reisebericht als literarische Gattung und auf normierte Männlichkeit als Analyseobjekte. Dabei soll der Schwerpunkt der Arbeit auf der Untersuchung narrativ und rhetorisch kreierter (geschlechtlicher) Gegenentwürfe eines indigenen Anderen und der Fetischisierung und Institutionalisierung der essentialisierten Konstrukte „Indianer“ und „Eskimo“, sowie der kulturellen Vereinnahmung des Anderen liegen. In Bezug auf den letzten Punkt sind literatur- und kulturwissenschaftliche Debatten um das „Indianerspielen“ (P. Deloria), beziehungsweise „Eskimospielen“ (S. Huhndorf), sowie grundsätzlich die Diskussion um den imaginierten „Indianer“ (R. Berkhofer, D. Francis) als identitätsstiftendes Modell nordamerikanischer Selbstdefinitionen unerlässlich. 

Ferner sind zeitgenössische kulturelle (und oft körperbasierte) Idealentwürfe von Männlichkeiten (beispielsweise in Verbindung mit Outdoor-Bewegungen) sowie naturalisierte Wildnisdiskurse und spezifische Reisemotivationen wichtige Bestandteile für den Erkenntnisprozess der Untersuchung. 

Als Teil der diskursanalytischen Untersuchung soll der Intersektionalitätsansatz nutzbar gemacht werden, um narratologisch und rhetorisch entworfene und kulturell genormte Wechselwirkungen von Ungleichheit (Diskriminierung und Privilegierung) kulturtheoretisch und gattungsspezifisch zu dekonstruieren. Sonderfälle der Untersuchung sind die Herausforderungen der normativen Männlichkeit durch die Berichte weiblicher Reisender sowie durch ethnische Hybridität, welche dem reisenden Subjekt unter anderem die Möglichkeit bot, das Andere je nach Argumentationsnutzen rassisch affirmativ oder abwertend, aber auch subversiv-kritisch kulturell einzuordnen.