Forschungstag 2016

Auch in diesem Jahr hat das Collegium Philosophicum wieder seinen alljährlichen, nunmehr 5. Forschungstag veranstaltet!

Die Societas Historica richtete die Veranstaltung als Vortragspanel am Mittwoch, dem 15.06.16 ab 17.00 Uhr im Hörsaal A aus. Anschließend gab es im Foyer des Audimax einen Empfang. Ergänzt wurde der Forschungstag von einer Posterausstellung, die zwischen dem 13.06. und dem 16.06. ebenfalls im Foyer des Audimax stattfand.

Als Zusammenschluss von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Philosophischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel bündelt und vernetzt das Collegium Forschungsaktivitäten unterschiedlichster Art, von der klassischen Einzelforschung über drittmittelfinanzierte Vorhaben verschiedenen Zuschnitts bis hin zur fächerübergreifenden Verbundforschung.

Die Forschungstage, die sich an die inner- wie außeruniversitäre Öffentlichkeit wenden, präsentieren Ausschnitte dieser Aktivitäten. Zugleich unterstreichen sie in der historischen Tiefendimension wie im steten Gegenwartsbezug die thematische Vielfalt und die vielfältige Relevanz geisteswissenschaftlicher Forschung, verstanden in einem inhaltlich weiten Bezugsrahmen von Sprache und Literatur, Kultur und Gesellschaft, Geschichte und Kunst. Zeugnis von dieser Vielfalt und Relevanz legten die drei Vorträge des diesjährigen Forschungstages ab, in denen Mitglieder des Collegium Philosophicum laufende Arbeiten vorstellten.

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Eröffnet wurde der Forschungstag mit Grußworten der Vizepräsidentin Prof. Dr. Anja Pistor-Hatam und des Dekanats der Philosophischen Fakultät Prof. Dr. Thorsten Burkard. Die Moderation erfolgte durch Herrn Dr. Sven Rabeler, den Sprecher der Societas Historica.

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Anschließend präsentierte Prof. Dr. Oliver Auge (Historisches Seminar) ein Projekt, das sich der Erforschung der Burgen im mittelalterlichen Schleswig-Holstein widmet. Das Land nördlich der Elbe wird gemeinhin kaum in besonderer Weise mit Burgen in Verbindung gebracht, zu gering und unscheinbar sind die wenigen Überreste – und doch erlauben die Quellen tiefe Einblicke in dieses Phänomen, das zur gesellschaftlichen und kulturellen Prägung der Region erheblich beigetragen hat.

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Prof. Dr. Julia Weitbrecht (Germanistisches Seminar) befasste sich mit der Wahrnehmung und Deutung von Tieren im Mittelalter (und darüber hinaus), insbesondere am Beispiel des Motivs der Einhornjagd. In der Verbindung naturkundlichen Wissens und religiöser Vorstellungen – die Jagd nach dem Einhorn versinnbildlicht die Menschwerdung Christi – werden damit Perspektiven auf die Interpretation von Mensch-Tier-Beziehungen zwischen Antike und Gegenwart eröffnet.

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Dr. Sebastian Elsässer (Seminar für Orientalistik) ging schließlich der Frage nach, worin das Erfolgsgeheimnis des politischen Islams in Gestalt der Muslimbruderschaft besteht. Trotz der Verfolgung in vielen Ländern bilden die Muslimbrüder heute einen wichtigen politischen und gesellschaftlichen Faktor in der arabischen Welt. Im Mittelpunkt des Vortrags standen die Erziehungsstrukturen, die mit den vor Ort verankerten Netzwerken der Bruderschaft verbunden sind.

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Begleitet und erweitert wurde der Forschungstag von einer Posterausstellung, die vom 13. bis zum 16. Juni 2016 im Foyer des Audimax gezeigt wurde. Zahlreiche Mitglieder des Collegium Philosophicum präsentierten darin laufende Forschungsvorhaben: von slavischen Ortsnamen in Holstein über christliche und jüdische Kreditmärkte im Spätmittelalter bis zur barocken Umgestaltung mittelalterlicher Damenstiftskirchen, von der Förderung der Aussprache des Dänischen im Schulunterricht über die Entwicklung des Spanientourismus der 1950er bis 1980er Jahre bis zu sexuellen Lernprozessen von Jugendlichen in (in)formellen Bildungsräumen. Zu diesen und anderen Forschungsthemen bot die Ausstellung allen Interessierten die Möglichkeit zur raschen wie fundierten Information.

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Das Programm in Kürze:

17.00 Uhr Eröffnung mit Grußworten des Präsidiums und des Dekanats der Philosophischen Fakultät

17.15 Uhr Vortrag von Prof. Dr. Oliver Auge: Schleswig-Holstein - Land der vergessenen Burgen

17.45 Uhr Vortrag von Prof. Dr. Julia Weitbrecht: "Errette mich von den Einhörnern": Das Einhorn im Spannungsfeld religiöser und naturkundlicher Deutungen

18.15 Uhr Vortrag von Dr. Sebastian Elsässer: Das Erfolgsgeheimnis des politischen Islams? Auf den Spuren der Netzwerke der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt

ab 19.00 Uhr Empfang im Foyer des Audimax'

Posterausstellung: 13.06. - 16.06.16 im Foyer des Audimax'


Die Vorträge:

Prof. Dr. Oliver Auge (Historisches Seminar, Societas Historica): "Schleswig-Holstein – Land der vergessenen Burgen"

Der Raum des heutigen Schleswig-Holstein ist im hohen und späten Mittelalter ein von Burgen ungemein dicht besetztes Gebiet gewesen. Die Burgen als Wohn- und Befestigungsanlagen, übrigens nicht nur des Adels, waren Ausdrucksweise eines soziopolitischen Wandels im Raum nördlich der Elbe. Auch sind sie als Zeichen des allmählichen Zusammenwachsens von Schleswig und Holstein zu einer politischen und gesellschaftlichen Einheit zu begreifen. Von diesen Burgen sind heute freilich nur noch wenige Spuren sichtbar. Aus Holz und Lehm errichtet, erwiesen sie sich über die Jahrhunderte hinweg einfach als weniger haltbar im Vergleich zu ihren steinernen Pendants im Westen und Süden Deutschlands, wo sie als teils wirklich imposante Ruinen immer noch von Weitem wahrzunehmen sind. In Schleswig-Holstein braucht es demgegenüber oftmals eine sehr gute Spürnase, um auf ehemalige Standorte solcher Burgen aufmerksam zu werden. Seit etwa anderthalb Jahren beschäftigt sich eine kleine Forschergruppe der Kieler Regionalgeschichte im Rahmen eines von der DFG geförderten Projekts mit der Erforschung dieses gewissermaßen vergessenen Teils der Landesgeschichte. Der Vortrag wird das Projekt vorstellen und eine kleine Einführung in die nordelbische Burgenkunde des Hoch- und Spätmittelalters geben.

Prof. Dr. Julia Weitbrecht (Germanistisches Seminar, Societas Philologica et Aesthetica): "'Errette mich von den Einhörnern': Das Einhorn im Spannungsfeld religiöser und naturkundlicher Deutungen"

Der Beitrag untersucht die vielschichtigen Wissensprozeduren, die mit der Wahrnehmung und Deutung von Tieren verbunden sind und insbesondere auch das kulturelle Archiv des christlichen Mittelalters prägen. Im Mittelpunkt steht das Motiv der Einhornjagd, in dem sich antike und christliche Wissensbestände produktiv verbinden. Im Blick auf diese spezifische, gleichermaßen naturkundlich wie religiös fundierte ‚Mensch-Tier-Beziehung‘ zeigt sich das Einhorn als anschlussfähig für vielfältige Interpretationen und Projektionen, deren Faszination bis in die Gegenwart anhält. 

Dr. Sebastian Elsässer (Seminar für Orientalistik, Societas Ehollogica et Sociologica): "Das Erfolgsgeheimnis des politischen Islams? Auf den Spuren der Netzwerke der Muslimbruderschaft in der arabischen Welt"

Nach ihrer Gründung und Verbreitung Mitte des 20. Jahrhunderts überzog die ägyptische Muslimbruderschaft große Teile der arabischen Welt mit Netzwerken lokaler Zellen, sogenannter Erziehungs-Familien (usar tarbawiya). Dank der Flexibilität und Resilienz dieser Netzwerke konnte die Muslimbruderschaft die politische Verfolgung in vielen Ländern überstehen und sich bis heute als wichtiger politischer und gesellschaftlicher Faktor in der arabischen Welt etablieren. Der Vortrag stellt das Projekt vor, das zum Ziel hat die Spur der Erziehungsstrukturen der Muslimbruderschaft von Ägypten, Libanon, Jordanien und den Golfstaaten bis hin zu Exil-Communities in Istanbul und London zu verfolgen.